Die Tüten sind echte Hingucker. Bunt bemalt, mit verzierten Griffen, kleinen aufgeklebten Lesebüchlein, Herzen, Blumen und ermutigenden Sprüchen. An der Grundschule Ahornstraße in Bad Salzuflen haben die Kinder der Zebraklasse (4b) sie für ihre Patenkinder liebevoll gestaltet. Heute ist der große Tag: Die fertigen Lesetüten werden an die Kinder der Fuchsklasse (1b) übergeben. Vorsichtig ziehen die Jungen und Mädchen ihr Buch aus der Tüte. Es wird geblättert, gezeigt, leise gelesen. Kurz darauf sitzen Große und Kleine nebeneinander. Die Viertklässler helfen beim Entziffern, erklären Wörter oder lesen vor, wenn es noch schwierig ist.
84 Erstklässler*innen der Grundschule Ahornstraße haben ihre Lesetüte stellvertretend für rund 2.000 Kinder an 39 Grundschulstandorten in Bad Salzuflen, Detmold, Lage, Augustdorf, Schieder-Schwalenberg, Lügde, Kalletal und Leopoldshöhe entgegengenommen. Die Übergabe ist Teil des gleichnamigen Projekts, das 2022 von der Stiftung „Für Lippe“ erstmals in Lippe gestartet wurde. In Bad Salzuflen wird es zusätzlich von der Meyer-Sickendiek-Stiftung unterstützt, weitere Kooperationspartner sind das Schulamt des Kreises Lippe sowie die Buchhandlung Hugendubel (vormals „Buchhaus am Markt“) in Detmold.
„Lesen ist die Grundlage für erfolgreiches Lernen“, betont Sabine Husemann-Seidel, Mitglied des Beirats der Meyer-Sickendiek-Stiftung und ehemalige Rektorin sowie Qualitätsprüferin für Grundschulen in NRW: „Mit dem Lesetütenprojekt wollen wir den Erwerb dieser Basiskompetenz bewusst positiv besetzen und Lust aufs Lesen machen.“ Gerade am Anfang brauche es Ermutigung und gute Erfahrungen mit Büchern. Wie unterschiedlich die Startbedingungen sind, erlebt Schulleiterin Anke Daubel-Wiele im Schulalltag. „Wir stehen beim Erwerb der Lesekompetenz vor großen Herausforderungen. Fehlender Wortschatz und unterschiedliche Vorerfahrungen erschweren vielen Kindern den Start“, sagt sie. Umso wichtiger seien Impulse, die früh ansetzen und Kindern Selbstvertrauen geben.
Leseförderung an der Grundschule Ahornstraße geht weit über das Projekt „Lesetüten“ hinaus. Mehrmals in der Woche sind feste Lesezeiten im Stundenplan verankert. In den Klassen stehen Bücher für freie Lesephasen bereit, regelmäßig wird auch in der Frühstückspause vorgelesen. Lesepaten unterstützen Kinder individuell beim Üben. Die zweiten Klassen besuchen die Stadtbücherei und erwerben einen Büchereiführerschein. Autorenlesungen und die Arbeit mit digitalen Angeboten wie „Antolin“ oder „Polylino“ sowie die Teilnahme an Vorlesewettbewerben für Schüler*innen der dritten und vierten Klassen ergänzen das Förderkonzept. Ein weiterer Baustein ist die Zusammenarbeit mit den Patenklassen. „Durch die Paten-Lese-Aktionen wird die Lesemotivation gefördert“, sagt Lehrerin Miriam Rulle, Klassenleiterin der Fuchsklasse. „Die älteren Kinder übernehmen Verantwortung, die jüngeren fühlen sich ernst genommen.“
Das Leseförderungsprojekt „Lesetüte“ ist eine Idee der IG Leseförderung und wird seit 2011 bundesweit als Buchhandelsaktion für Lese- und Schulanfänger*innen durchgeführt. Aufgrund der positiven Resonanz haben die Initiatoren bereits jetzt angekündigt, das Projekt auch im kommenden Schuljahr weiterzuführen.